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Brahms' Derde
27 november 2010 - Neues Theater
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recensie

Supersound und bizarre Lieder

30 oktober 2010 - Kulturbüro

Wer kennt den Komponisten Luciano Berio? Fast niemand, wofür es, wie wir jetzt wissen, offensichtlich gute Gründe gibt. Natürlich konnte es sich das NNO bei seinem Emder Gastspiel nicht verkneifen, mal wieder was ganz Ungewöhnliches zu bieten; die Groninger sind ja bekannt für ihre gelegentlich ausgeflippte Programmgestaltung. So auch hier.

Dass das Experiment mit den weitgehend unbekannten Liedern aus fernen Ländern, wie dem schönen Aserbaidschan, kein Schlag ins Wasser wurde, dafür sorgte allein die faszinierende Sängerin Cora Burggraaf. Ihr Mezzo-Sopran und ihre starke Bühnenpräsenz entlockten auch den sonderbarsten “Folk Songs” eine musikalische Intensität und Qualität, die diese entweder selbst gar nicht besitzen oder so tief in sich verborgen halten, dass man sie – wie etwa das bizarre “La Fiolaire” – mindestens zehnmal hören muss, um sie so tief empfinden zu können, wie die begnadete Sängerin es bei ihrem Vortrag tat. Das Problem all dieser Lieder: Nur die wenigsten von ihnen haben das, was “Volkmusik” immer unbedingt braucht: Eine gewisse liebreizende Eingängigkeit. Anders gesagt: Kein Mensch hört sich so was normalerweise an, es sei denn, er wohnt dort, und zwar schon sehr, sehr lange.

Auch Berios Orchesterbegleitung vermochte die Songs nicht aufzuwerten, im Gegenteil! Aus zwölf Liedern wurden so nahtlos aneinandergereihte Orchesterstücke mit dem Gesang einer Frau, die es trotz des bedenklichen Materials schaffte, einen tiefen Eindruck zu hinterlassen. Vorher hatten die Niederländer Dvoráks mächtige Tondichtung von der Waldtaube auf ihre gewaltige Soundleinwand projiziert. Sie hatten dabei gezeigt, warum sie einen so exzellenten Ruf haben. Fabelhaft, dieser Streicher-Sound – spitzenmäßig, (Cello, Bass)! Und es muss bei Tondichtungen ja nicht immer Lizt sein. Oder Jean Sibelius.

Auch die feinsten Nuancen der schönen Tauben-Partitur wurden präzise ausgelotet, das reichlich eingesetzte Schlagwerk war ein Hör-Abenteuer für sich. Selten (wann überhaupt?) hat ein großes Orchester auf dieser Bühne so plastisch, deutlich und zugleich schön geklungen, wie dieses. Die typische Dvorák-Melodik sorgten für den hochromantischen Anstrich.

Das Problem mit der 3. Sinfonie von Brahms is allgemein bekannt. Nur der 3. und der 4. Satz erreichen jene hinreißende und unverwechselbare Qualität, die Brahms selbst jederzeit anstrebte und so oft auch erreicht hat. Die erste beide Sätze wollen sich einfach nicht so recht festbeißen. Vor allem dem 2. Satz fehlt es an Charakter.

Natürlich war jeder im Saal am Ende schwer beeindruckt. Was für ein Klangkörper! Mit leichter Hand wurde er von Dirigent Michel Tabachnik zusammen gehalten. Als Zugabe gab es noch mal den allseits beliebten 3. Sinfonie-Satz. Eben hier zeigt sich ja deutlich, warum unmittelbare Eingängigkeit gerade bei komplexen Arrangements unverzichtbar ist, will man den nichteingeweihten Zuhörer, auf den es ankommt, dazu bringen, sich auch noch auf die hintersten und dunkelsten Winkel einer Musik einzulassen. Schade, dass man so ein tolles Orchester nur so selten in Emden erleben kann!

Karl-Heinz Janssen